Brucknerfest 2023 widmet sich den Frauen – und wagt „ordentlichen Tabubruch“
LINZ/ST. FLORIAN/ANSFELDEN. Ein Jahr vor dem großen Jubiläum 2024, dem 200. Geburtstag Anton Bruckners, zeigt das Internationale Brucknerfest Linz 2023 neue Seiten. Von 4. September bis 11. Oktober stehen ungehörte Musikerinnen, Komponistinnen und Vorkämpferinnen im Mittelpunkt, unter dem Motto „Aufbruch. Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“. Erstmals steht bei einem Brucknerfest kein Werk Bruckners am Programm, ein „ordentlicher Tabubruch“.

Nach fünf Jahren wurde der Bruckner-Zyklus beim Internationalen Brucknerfest Linz 2022 abgeschlossen, nun sei es Zeit für Neues. „Es ist ein gewagtes Thema, dass wir uns vornehmen“, so Brucknerhaus-Intendant Dietmar Kerschbaum, der sich über sehr gute Auslastungszahlen, zuletzt 85 Prozent, freut. „Immer nur Mainstream ist nicht unser Ding. Wir wollen zwischen dem abgeschlossenen Zyklus und dem Brucknerjahr 2024 die Stadt noch weiter öffnen.“ Aber auch ein „Ausatmen von Bruckner“ soll das kommende Festival ermöglichen. „Unser Ehrgeiz: Mit unserem Motto verschreiben wir uns einem der wunderbarsten Themen: Frauen.“
„Ausatmen von Bruckner“ und „Ordentlicher Tabubruch“
Für viele wird überraschend sein: Kein einziges Werk Bruckners findet sich – ganz bewusst - im Programm. Dennoch hat das Thema viel mit Bruckner zu tun. Alle Versuche Bruckners, eine Ehe zu schließen, scheiterten, sein Kontakt zu Frauen jenseits der Familie beschränkte sich weitgehend auf den zur Haushälterin und zu Schülerinnen.
Bürgermeister Klaus Luger: „Es wird ein Brucknerfest mit einem ordentlichen Tabubruch, es gab noch nie ein Brucknerfest mit keinem Werk Bruckners. Das Haus wagt unkonventionelles, einen Aufbruch und Umbruch“, sieht Luger des Brucknerfest 2023 als Gegenton zum anstehenden Brucknerjahr 2024. „Bruckners Verhältnis zu Frauen war nicht wirklich vorhanden, die Rolle von Frauen in der Kunst damals ebenfalls. Dass dieser Aspekt aufgearbeitet wird, passt auch gut zu unserer Stadt“, dankt Luger dem Brucknerhaus-Team für den Mut und ist optimistisch, dass es viel Resonanz beim Publikum geben wird.
Ab 4. September stehen also jede Menge Musen, Musikerinnen, Komponistinnen und Musik-Mäzeninnen sowie Vorkämpferinnen im Mittelpunkt. Frauen, die es schwer hatten, zu Lebzeiten Anerkennung zu finden. Wichtig sei es, immer auch gesellschaftlich relevante Themen anzusprechen, so Kerschbaum. „Wenn wir die Unterdrückung der schöpferischen Komponistinnen nicht gehabt hätten, wäre unsere Welt um viele hervorragende Werke reicher.“ Das Thematisieren patriarchalischer Strukturen und veralteter Denkmuster sei auch in der heutigen Zeit aktueller denn je.
Fünf Spielstätten
An fünf Spielstätten findet das Brucknerfest statt: Die Pfarrkirche Ansfelden, die Linzer Innenstadt, natürlich das Brucknerhaus, der Alte Dom und der Mariendom in Linz und die Stiftsbasilika St. Florian werden bespielt.
„Sinfonische Frauenpower“
Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist keines der Werke, die beim Brucknerfest 23 präsentiert werden, jemals im Brucknerhaus Linz erklungen.
Den musikalischen Auftakt macht am 4. September in der Pfarrkirche Ansfelden das Konzert „Happy Birthday, Anton“, mit Werken von Julie Weber von Webenau oder Mathilde Kralik von Meyrswalden, gespielt von der Salzburger Hofmusik.
Am 10. September folgt im Brucknerhaus der Festakt zur Eröffnung, mit dabei ist die aufstrebende venezolanische Dirigentin Glass Marcano.
Einen Schwerpunkt legt das Brucknerfest auf „Sinfonische Frauenpower“. So erklingt ebenfalls am 10. September unter anderem Dora Pejačevićs Sinfonie fis-moll für großes Orchester, gespielt vom Bruckner Orchester unter Markus Poschner. Die Sinfonie Nr. 1 e-moll der US-amerikanischen schwarzen Komponistin Florence Price aus dem Jahr 1932 erklingt unter anderem am 19. September (Bruckner Orchester, Markus Poschner), die 7. Sinfonie von Emilie Mayer, gespielt vom Originalklangensemble Le Cercle de L’Harmonie am 3. Oktober, sowie deren 1. Sinfonie am 8. Oktober (Martin Haselböck und das Orchester Wiener Akademie). Amy Beach gilt als erste amerikanische Frau, die eine Sinfonie schrieb, ihre Sinfonie e-moll mit dem Titel „Gaelic“ wird von den Prager Symphonikern unter Eugene Tzigane präsentiert (6. Oktober).
Viele große Namen
Mitwirkende des Brucknerfestes sind auch Pianist Helmut Deutsch und Sopranistin Nikola Hillebrand (15. September), Pianist David Kadouch mit Schauspielerin Sophie Rois (1. Oktober), Starpianistin Lise de la Salle (26. September), Cembalovirtuose Mahan Esfahani mit dem Münchener Kammerorchester (21. September) und viele mehr kommen. Am 19. September wartet eine Uraufführung der russischen Komponistin Elena Firsova, gespielt vom sonic.art Saxophonquartett und dem Bruckner Orchester unter Poschner. Am 30. September die katalanische Trompeterin Andrea Motis für ein Jazzkonzert zu Gast.
Spaziergang durch Linz
Bei freiem Eintritt werden wieder Stadtspaziergänge angeboten (Zählkarten im Brucknerhaus), unter dem Titel „Linzer Ladies“ erwartet Teilnehmer von 5. bis 8. September eine Spurensuche zu Linzer Komponistinnen, mit Kurz-Konzerten.
Den festlichen Abschluss des Brucknerfestes 2023 gestalten das Bruckner Orchester unter der Leitung von Dirigintin Han-Na Chang am 11. Oktober in der Stiftsbasilika St. Florian, am Programm stehen monumentale Sakralwerke der Komponistinnen Lili Boulanger und Ethel Smyth.
Auf ein „hervorragendes und spannendes Programm“ freut sich Heinrich Schaller, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Die RLB OÖ ist eine der Hauptsponsoren des Brucknerfestes, seit vielen Jahren. „Uns ist es wichtig, alle Bereiche zu unterstützen, von Sport über Soziales bis natürlich zur Kultur. Diese trägt zur Weiterentwicklung der Gesellschaft bei.“
Service
Internationales Brucknerfest Linz 2023, 4. September bis 11. Oktober; Infos, Programm und Karten unter www.brucknerfest.at und www.brucknerhaus.at
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