22 Uhr. Die Gassen von Aigues Mortes in der Camargue sind ausgestorben. Keine Bar, kein Café hat noch Lust zwei durstige Urlauber zu bedienen. Ungewöhnlich ruhig ist es, auch keine Touristen aus den Niederlanden oder aus dem fernen Paris streifen durch die Gassen des französischen Ortes. Wie kann es sein, dass der Ort weit vor Mitternacht schon in einem tiefen Schlaf zu schlummern scheint, fragt sich der Besuch aus Österreich. Verständlich wird die Sehnsucht der Bewohner nach Ruhe spätestens am nächsten Vormittag.

Kaum einer der Urlauber scheint sich ausreichend Zeit zu nehmen um gemütlich im Schatten der Bäume seinen Café einzunehmen, oder zur späteren Stunden mit Pastis seinen Durst zu löschen. Zu sehr scheint die Hektik des Alltags auch hier alltäglich geworden zu sein. Ob Ludwig der Heilige das ahnte, als er von hier aus im 13. Jahrhundert zum Kreuzzug aufbrach? Aber damals war das Leben wohl auch nicht beschaulich. Daher ließ er und seine Nachfolger eine Mauer rund um die Stadt errichten, schließlich sollte kein Feind die Stadt einnehmen. Und noch heute sorgt die eindrucksvolle Befestigung für Sicherheit, mindestens was den Straßenverkehr anbelangt. Innerhalb der Stadtmauer dürfen nur Bewohner parken und das sorgt dafür, dass man in den Straßen weitgehend gefahrlos flanieren kann. Noch schnell ein Parfum für die daheim gebliebene Freundin gekauft und ein Erinnerungsfoto vom heiligen Ludwig geschossen, der in Form einer Statue den Ortsplatz bewacht. Die Zeit drängt, denn es wartet schon einer der nächsten Höhepunkte.
Mit der Natur kann sich keiner messen
Diesmal ist es die unberührte Natur, die das Interesse weckt. Das Auto wird im Schatten abgestellt, schnell noch den Moskitospray aufgetragen – die vielen juckenden Stellen am ganzen Körper erinnern noch heute daran, dass man gestern darauf vergessen hat. Und schon startet man mit Pierre, dem Guide, der wohl sein ganzes Leben hier verbracht hat, auf Erkundungstour. Wie heißt noch einmal Reiher auf Französisch? Und warum versteht man sich so gut, obwohl Pierre nur zwei drei Wörter Deutsch spricht? Keine Ahnung, Natur verbindet einfach. Und von unberührter Landschaft gibt es hier genug. Obwohl unberührt? Nicht ganz, die Camargue ist eine Natur, die ihre Entstehung auch dem Menschen verdankt. Das Wasser, Lebensader der Region, wird je nach Bedarf abgepumpt oder in die vielen kleinen Kanäle geleitet. Pierre weiß warum – damit sich auch zukünftige Generationen an dem Naturparadies erfreuen können. Und da sind sie schon, die ersten Flamingos, die im seichten Wasser der Lagune nach Nahrung suchen. Austernfischer, Reiher in unterschiedlichen Größen und Farben, ein Schwarzstorch auf dem Weg zu seinem Nest… selbst Pierre kennt nicht jeden der Vögel bei Namen. In der Nähe galoppieren die weißen Pferde der Camargue um die Wette, wenige Meter später grasen die berühmten schwarzen Stiere in der Sonne. Wenn Gott wirklich Franzose ist, hier käme er öfters vorbei. Spätestens dann wenn Pierre den wilden Sellerie pflückt, den er genüsslich verspeist oder an seiner Zigarette zieht. Die Dämmerung zwingt zum Abbruch der Expedition, die einem wohl immer in Erinnerung bleiben wird. Und schließlich will man sich noch in seinem Hotel mit frischen Austern für den morgigen Tag stärken. Dieser verspricht kulturelle Höhepunkte.
Die Römer und die Macht der Kirche
Samstag, 7 Uhr. Über die gut ausgebaute Bundestraße geht es nach Arles. Der Berufsverkehr ist um die Zeit noch nicht wirklich präsent und so ist die Strecke in 45 Minuten geschafft. Schnell in einer Tiefgarage einen Parkplatz gesucht und auf in die Stadt. Zunächst ist vom historischen Kern noch nicht viel zu sehen. Doch schnell vergisst man die Suche nach den üblichen Sehenswürdigkeiten. Schließlich ist heute Markttag und da sind sie schon, die Bauern und Händler aus der Umgebung, die ihre Köstlichkeiten an den Mann beziehungsweise an die Frau bringen: Zitronen aus Menton, Schafskäse in verschiedensten Reifezuständen, Brot, Wurst, frischer Fisch, Muscheln, Oliven… hier muss man einfach Hunger bekommen. Daher muss es einfache eine kurz Rast in einem der Parks sein, mit Baguette und einem Stück Schinken beginnt der Vormittag einfach besser. Und die Stärkung ist bitter notwendig – denn es geht gleich zu weiter zu einer der wichtigsten Attraktionen der Stadt: Die Arena von Arles wurde von den Römer gebaut und ist auch nach fast 2000 Jahren nach seiner Errichtung noch in einem erstaunlich guten Zustand. Wer zum richtigen Zeitpunkt hier vorbeischaut, dem bietet das historische Bauwerk die Gelegenheit an Courses Camarguaises teilzunehmen. Die unblutige, französische Variante des Stierkampfes verlangt den jungen Männern, die ihre Kräfte mit den Stieren messen, alles ab. Und am Ende des Kampfes, dürfen sich die Stiere wieder über ihre Freiheit freuen. Heute waren es aber nur Besucher aus Deutschland, die die Arena bevölkerten. Und so ist der Rundgang schnell beendet. Weiter geht es durch die engen Gassen, die kühlenden Schatten spenden und die mit ihren zahlreichen kleinen Bars zu Rast einladen. Und so erfrischt noch ein kühler Rosé aus der Provence, bevor der abschließende Höhepunkt des Stadtrundgangs auf dem Programm steht: Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Saint-Trophime mit ihrem Kreuzgang, der zwischen dem 12. Und 14. Jahrhundert erbaut wurde, lässt erahnen welche Macht und Bedeutung der Kirche im Mittelalter zukam. Fast sind die Gesänge der Mönche, ihre Gebete noch zu hören - so gut erhalten ist der sakrale Bau. Die Dämmerung bricht herein und so macht man sich noch auf die Suche nach einem guten Restaurant, um den letzten Abend würdig ausklingen zu lassen. Mon amour, das ist Frankreich. Mon grand amour, das ist der Süden davon.
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